Elieser Steinbarg
18.05.1880, Lipkany (Bessarabien) – 27.03.1932, Czernowitz
jiddischer Fabeldichter, Märchenerzähler, Kinderdramatiker, Pädagoge. Er wurde im kleinen bessarabischen Städtchen Lipkany in einer frommen jüdischen Familie geboren. Dort erhielt er eine trafitionsreiche religiöse und sittliche Erziehung. Sehr früh zeigte sich seine pädagogische Veranlagung, und bereits als junger Mensch war er Lehrer für Jiddisch und Hebräisch, später viele Jahre hindurch Direktor der jüdischen Schule in Lipkany. Steinbarg war ein hervorragender Pädagoge und gab 1921 in Bukarest eine hebräische und 1922 in Czernowitz eine jiddische Kinderfibel mit einem phantasievollen, bildhaften, poetisch klingenden Alphabet heraus. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg übersiedelte Steinbarg nach Czernowitz und entfaltete hier eine rege pädagogische und kulturelle Tätigkeit. Bald wurde er zur Seele des jüdischen Schulvereins und zum Sprachrohr und geistigen Führer jenes Teils des Czernowitzer Judentums, das sich den assimilatorischen Prozessen nicht beugen wollte und Jiddisch als ihr ideologisches und kulturelles Identitätsprogramm auf seine Fahne geschrieben hatte. Er organisierte ein jiddisches Kindertheater, dessen Repertoire er mit eigenen Stücken ausfüllte. Dort sang mit seiner hellen Stimme zu jeder Gelegenheit ein kleines jüdisches Bürschlein Josef Schmidt, der später als „der deutsche Caruso“ weltberühmt wurde. Steinbarg schrieb poetische Purimspiele, und verkleidete Kinder trugen das jiddische Wort von Haus zu Haus. Er sammelte um sich jüdische Kinder aus den ärmsten sozialen Schichten und brachte sie in die Sommerferienkolonie nach Wiženka, einem malerischen Dorf in den Bukowiner Karpaten. Dort erzählte er ihnen Märchen und Legenden, sang mit ihnen jiddische Volkslieder, las ihnen seine herrlichen Fabeln vor. Diese unermüdliche Tätigkeit brachte ihm übrigens keine Dividenden, sie war eine Arbeit „für Gotteslohn“. 1928 war der Dichter gezwungen, nach Brasilien auszuwandern, da er vom Gehalt, das ihm der Schulverein zahlte, kaum leben konnte. In Rio de Janejro leitete er die Scholem Alejchem-Schule. 1930 kehrte er ins rumänische Czernowitz zurück und ließ sich von einer Gruppe seiner Freunde überreden, seine Fabeln zu veröffentlichen. Anfang 1932 begann man mit dem Druck des ersten Bandes mit den herrlichen Illustrationen seines Freundes, des jüdischen Künstlers Artur Kolnik. Es war dem Dichter aber nicht mehr vergönnt, diese Fabelsammlung veröffentlicht zu sehen. Am 27.März 1932, nach einer Blinddarmoperation, riss ihn das unbarmherzige Schicksal aus dem Leben. Die Betroffenheit des Czernowitzer Judentums ist schwer zu beschreiben – Tausende begleiteten den geliebten Dichter zum jüdischen Friedhof, wo er in einem für die Kinder reservierten Teil, „zwischen Gräber so groß wie eine Wiege“, beigesetzt wurde. Über seinem von Artur Kolnik entworfenen Grabstein erhebt sich eine Stele, welche die Figuren seiner Fabeln darstellt: einen stilisierten Zweig mit Vögeln und Schmetterlingen, dann Meer, Mond und Sterne, umrahmt von Bühnenvorhängen mit Quasten, welche auf seine Beschäftigung mit dem Kindertheater anspielen. In schönen hebräischen Lettern sind dann zwei Anfangszeilen aus seiner Fabel „Der Hammer und das Stück Eisen“ eingraviert: „Trojrik kinder af der welt der brejter, gromer! / Bitter! Mit a moschl chotsch sich kwiken lomir“ – Die Fabeln (mescholin) sind der wertvollste Teil des dichterischen Nachlasses von E.Steinbarg. Außer den Fabeln hat er noch Märchen (meisselech) geschrieben, die er nicht mehr in Gedicht-, sondern in Prosaform auffasste. Die beiden Lieblingsgattungen Steinbargs unterscheiden sich von den Werken gleichen Genres bei seinen Vorgängern vor allem durch ihre philosophische Tiefe: hinter den alltäglichen Verhältnissen und Beziehungen lassen sie grundsätzliche existenzielle Probleme durchschauen. Außerdem sind diese Fabeln sehr eng an ihre Zeit mit sozialen und politischen Kämpfen gebunden. – Steinbarg hat auch eine Reihe von Kindermärchen auf Hebräisch geschrieben. – Nach seinem Tode wurde in Czernowitz das Komitee für die Herausgabe seines Nachlasses gegründet, dessen Aufgabe war, alle seine Schriften zu sammeln und zu systematisieren. Seitdem sind einige Ausgaben des Werkes des Fabeldichters erschienen, so z. B. in Bukarest (1934/35, 2 Bände), Buenos Aires (1949), Tel Aviv (1980) Sein schriftstellerischer Nachlass wurde 1972 von der Familie der Jüdischen Nationalbibliothek in Jerusalem übergeben und auf diese Weise von der Verstreuung gesichert. Das Fabelreich des „jiddischen Äsop“ ist nun zum festen Bestandteil der jüdischen Literatur geworden. – In Czernowitz trägt heute die Jüdische Kulturgesellschaft seinen Namen, eine Seitengasse am Jüdischen Nationalhaus ist nach ihm benannt und eine Gedenktafel wurde 1991 an seinem Wohnhaus angebracht worden.
Dr. habil. Petro Rychlo